Equal Care?

Schnerring/Verlan. Verbrecher Verlag 2020

Am Anfang und am Ende des Lebens sind wir darauf angewiesen, dass andere Menschen sich um uns kümmern, bedingungslos fürsorglich sind. Aber auch in den Jahren dazwischen: Wer kocht, räumt auf und putzt? Wer erzieht, betreut und pflegt? Wer hört zu und gibt Rückhalt? Wer ist bereit, die eigenen Wünsche zurückzustellen und sich hier und jetzt um andere zu kümmern? All diese Care-Aufgaben sind in unserer Gesellschaft sehr ungleich verteilt. Im professionellen Bereich sowie im Privaten.

Die Grundthese ist: Nur wenn Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern gerecht aufgeteilt wird, haben alle Menschen gleichermaßen die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe, politisch und wirtschaftlich, in Kultur und Wissenschaft, beruflich und privat, auf allen Ebenen und Hierarchiestufen. Ausgehend von den Fragen »Was ist Care?« (mehr als pflegen und sauber machen), »Was ist Arbeit?« (mehr als die reine Erwerbsarbeit auf jeden Fall) und »Wie privat ist Fürsorge eigentlich?« (gar nicht) beschreibt das Buch die sozialen Verwerfungen, die der Gender Care Gap in den unterschiedlichen Lebens und Gesellschaftsbereichen nach sich zieht (ja, auch Männer sind davon betroffen). Wie kommt es, dass sich allen Erfolgen der Gleichstellungsbewegung zum Trotz im Sorgebereich so wenig verändert hat?

Care ist die Grundlage des Lebens und die Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft, so basal, dass wir meinen, gar nicht darüber reden zu müssen. Allerdings ist unser Schweigen kein Zeichen von Anerkennung, sondern von Ignoranz. So vieles andere scheint wichtiger „als das bisschen Haushalt“ oder die Versorgung des pflegebedürftigen Großvaters.

Für einen konstruktiven und zukunftsgewandten Diskurs ist Klarheit in den Begrifflichkeiten notwendig, und diese Übereinkunft ist in den aktuellen Debatten nur selten gegeben. Nun haben wir nicht die allgemeine Definitionsmacht, wir können die Begriffe nur im Rahmen dieses Buches und für unsere Initiative ‚‘Equal Care Day‘ als Grundlage vorgeben. Und wir müssen sie immer und immer wiederholen, weil es hier auch um eine öffentliche Definitionsmacht geht und jede Einschränkung des Care-Begriffes politisch motiviert ist, um dann die einzelnen Teilbereiche gegeneinander ausspielen zu können.

Unsere Utopie

Die Analyse von Vergangenheit und Gegenwart ist wichtig, aber nur dann, wenn sie ein Mittel zum Zweck ist, nämlich Vorstellungen und Visionen zu entwickeln, die Welt von morgen mitzugestalten.

Unsere Utopie ist eine Welt, in der Sorgearbeit wertgeschätzt und honoriert wird, dem lateinischen Wortursprung entsprechend: geehrt und belohnt.

Und weil das so ist, übernehmen in unserer Utopie alle Geschlechter gleichberechtigt und in gleichen Maßen die Care-Aufgaben, ohne die es weder Leben noch Gesellschaft geben könnte – und somit auch keine Wirtschaft.

Und weil das so ist, wissen wir alle, was Care-Arbeit bedeutet und im Detail umfasst.

Und weil das so ist, können die meisten Menschen auch für sich sorgen und ein im Wortsinn selbstständiges Leben führen.

Und weil das so ist, haben wir verinnerlicht, dass Menschen zwar selbstständig, aber nie unabhängig sein können, dass wir ohne unsere Mitmenschen nicht wirklich sind, ohne jene Menschen, die hin und wieder für uns kochen, Wäsche waschen oder die Toilette putzen, die Kinder versorgen und Eltern pflegen, die mit uns reden und unsere Sorgen und Freude teilen.

Und weil das so ist, können wir ganz anders über Care-Arbeit reden, weil es plötzlich nicht mehr um Macht und Ohnmacht geht, sondern wir einander auf Augenhöhe begegnen, mal mehr Fürsorge brauchen, mal mehr Sorgearbeit geben können.

Doch da das leider noch nicht so ist, wollen wir mit diesem Buch einladen, diese Gesellschaft und ihr Wirtschaftssystem einmal aus dem Blickwinkel der Fürsorge zu betrachten.

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