Jungs wollen keine Mädchenbücher lesen – ist eine self-fulfilling prophecy

„Die Behauptung, Jungen bräuchten männliche Helden, ist nichts anderes als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung“ (Maya Goetz in: A few reminders for more gender sensitivity in children’s TV)

Piraten- vs. Pferdegeschichten

Die Holzschnitt-Argumente des Gendermarketing sind in den Schulen und in der Leseförderung angekommen.

 

Die aktuelle Untersuchung von Kinderbüchern in der SZ lässt ein Thema neu erscheinen, das seit vielen Jahren hinreichend erforscht ist. Doch anstatt sich auf Studien zu verlassen, wird in der Leseförderung zunehmend den Botschaften des Gendermarketing Glauben geschenkt. Das geschlechtergetrennte Angebot scheint probates Mittel, um Jungen ans Lesen heranzuführen, und so verkaufen sich „Jungsbücher“ mit „männlichen Helden“ als Identifiaktionsfigur bestens. Dabei ist die Literatur ja nun voll von männlichen Vorbildern, an Oliver Twist, Tom Sawyer, Winnetou, Emil und den Detektiven, den 3 Fragezeichen wird es nicht gelegen haben, wenn Jungen heute wenig lesen. Wer Jungengeschichten mit stereotyp männlichen Klischees verbindet, wer Jungs zugesteht, dass sie Priatengeschichten, Abenteuergeist und Coolness brauchen, um lesen zu wollen, fördert genau das, was sie*er zu bekämpfen vorgibt: Ein enges, männliches Rollenbild, in dem Lesen eigentlich keinen Patz hat.

Der folgende Text in ein Auszug aus ‚Die Rosa-Hellblau-Falle‘ von 2014: „Ist Lesen wirklich weiblich?“:

Für viele Jungen ersetzen die Bildschirmmedien zunehmend das Buch, während Mädchen die neuen Medien eher ergänzend nutzen. Und weil Jungen weniger lesen als Mädchen, lesen sie im Durchschnitt auch schlechter. Das gilt nach Auskunft der PISA-Studien für alle teilnehmenden Staaten, für Deutschland aber verschärft, weil hierzulande in den Schulen weniger gelesen wird als in anderen Ländern. Ab der siebten Klasse gehört fast jeder fünfte Junge in die Leseindexkategorie »sehr niedrig«, hingegen nur jedes zwanzigste Mädchen. 80 Prozent der Jugendlichen in Deutschland mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche sind männlich. Doch wenn Kinder sagen: »Lesen mag ich nicht«, dann bedeutet das allzu oft: »Lesen kann ich nicht.« »Für den Erwerb von Lesekompetenz entscheidend ist nicht, ob zum Vergnügen gelesen wird, sondern ob und wie viel überhaupt gelesen wird«, schreibt der Germanist Erich Schön in seinen Anmerkungen zur PISA-Studie. Und solange ungeübte Leser und Leserinnen noch auf den Leseprozess selbst konzentriert sind, können sie Textinhalte nur unzureichend verstehen, geschweige denn Freude am Lesen entwickeln. Dieses Leseniveau zu erreichen, fällt Jungen offenbar schwerer als Mädchen.

Eine erste Reaktion auf diese Ergebnisse war, Lesestoffe speziell für Jungen zu entwickeln. Verlage versprachen sich von einer Genderdifferenzierung des Kinder- und Jugendbuchmarkts höhere Profite, Pädagog_innen hofften auf ein zunehmendes Leseinteresse der Jungen. So gibt es im S. Fischer Verlag die Reihe »Nur für Jungs«: »Endlich! In diesem Erstlesebuch für die 2./3. Klasse steckt alles, was besonders Jungs sich wünschen: coole Helden, fiese Schurken, atemberaubende Spannung und jede Menge Action!«, schreibt der Verlag in seiner Ankündigung. Volker Weidermann schreibt dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: »Die bunten Seiten der Macht – die Zeiten der Geschlechternivellierung gehen vorüber. Kleine Jungs wollen keine Mädchenbücher lesen. Sie wünschen sich Superhelden, Waffen, Abenteuer.« Im weiteren Text bezieht er sich dann auf die defizitäre Lesekompetenz von Jungen und ihre angeblichen Grundbedürfnisse.

An männlichen Vorbildern hat es in der Literatur nie gemangelt

Das alles klingt, als sei der Buchmarkt überschwemmt von Büchern für Mädchen, während die Kinderliteratur Jungen keine Helden mehr liefere. Quantitative Studien belegen allerdings, dass der Eindruck täuscht: Von wenigen Büchern mit starken Mädchenfiguren oder sensiblen männlichen Protagonisten schließen wir auf die breite Masse der Buchveröffentlichungen. Doch tatsächlich sind Kinderbücher, die mit den Rollenklischees gebrochen haben, die Ausnahme. In ihrer Studie »Gender in Kinderbüchern des 20. Jahrhunderts« hat die Soziologin Janice McCabe mit ihren Kolleg_innen annähernd 6.000 Bücher untersucht, die zwischen 1900 und 2000 in den USA veröffentlicht wurden. Über den gesamten Zeitraum dominierten männliche Figuren die Kinderliteratur. Gerade auch in Büchern, in denen Tiere oder Fantasiewesen als handelnde Figuren auftreten, sei die Gendermarkierung oft klar und die Verteilung entsprechend. Astrid Matthiae hatte bereits 1986 die gängigen deutschsprachigen Kinderbücher ihrer Zeit untersucht und kommt analog zu den Filmanalysen zu dem Schluss: Männer handeln, Frauen kommen vor. Gut zwanzig Jahre später haben Elisabeth Jürgens und Ruth Jäger ausgehend von Astrid Matthiaes Studie die Bücher der Empfehlungsliste des Deutschen Jugendbuchpreises der Jahre 2007 und 2008 untersucht. Das Ergebnis unterscheidet sich nicht von denen der amerikanischen Langzeitstudie von Janice McCabe: Fast 60 Prozent der Hauptfiguren sind männlich, nur gut 20 Prozent weiblich (die fehlenden 20 Prozent sind Figuren ohne Gendermarkierung). Es gibt Bücher mit ausschließlich männlichen Figuren, aber kaum Bücher mit nur weiblichen Figuren. Die beiden Psychologinnen fragen, »wie es möglich sein kann, dass ein Staatspreis für Kinderliteratur in Deutschland Jahr für Jahr solche Nominierungen hervorbringt«, und schreiben weiter: »Wenn eine Expert_innen-Jury die Kategorie Gender bei der Auswahl von Bilderbüchern nicht berücksichtigt, so ist zu vermuten, dass andere, die Bilderbücher für Kinder aussuchen, dies auch nicht tun werden. Notwendig erscheint daher eine Sensibilisierung aller dieser Personen.« Dazu gehören neben der genannten Jury auch das Fachpersonal in Kitas, Lehrer_innen, Institutionen, in denen Bilderbücher ausliegen, Bibliotheken, Beratungseinrichtungen und nicht zuletzt Entscheidungsträger_innen in den Verlagen selbst.

Mädchen hätten ein Mütter-Gen

Doch auch Verlage werden von Firmen beraten, die auf Gender-Marketing setzen. Und so kommt es zu Aussagen wie der von Axel Dammler, der meint, die große Mehrheit der Mädchen identifiziere sich nicht mit Pippi, sondern mit Annika, nur Lehrerinnen, Erzieherinnen und »eine bestimmte Sorte Mätter« fäden Pippi als Figur wirklich toll. Das sei beispielhaft für andere starke Mädchenfiguren: »Es wurden auch eine Menge Mädchen-Figuren entwickelt, die einmal nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprachen, doch die Mädchen fanden sie nicht schön genug und kehrten lieber zu ihren Feen und Prinzessinnen zurück.« Der Grund für das fehlende Interesse an alternativen Rollenbildern sei, dass die Mädchen damit nicht bei ihren Grundbedüfnissen abgeholt würden. Mädchen hätten ein Mütter-Gen, es sei ihnen »ein angeborenes Grundbedürfnis, sich um andere Lebewesen zu kümmern, seien es Babys, Tiere oder Pflanzen«. Für Jungen dagegen sei eine Prinzessin Lillifee zu oberflächlich, die Helden der Jungen bewiesen sich vielmehr über ihre Stärken und Aktionen, nicht über Beziehungen oder Gefühle, so Axel Dammler: »Versager sind inakzeptabel«. Die holzschnittartigen Argumente des Marketing, die ein nach Geschlechtern getrenntes Spielzeugangebot rechtfertigen, ziehen sich durch alle Lebensbereiche und machen auch vor Kinderbüchern nicht halt. Jungen mangle es an männlichen Identifikationsfiguren, so die einen, doch auch Mädchen bräuchten mehr weibliche Heldinnen in der fiktionalen Welt. Maya Götz widerspricht dieser Forderung: Auch Jungen identifizierten sich sehr wohl mit weiblichen Heldinnen. Die Behauptung, Jungen bräuchten männliche Helden, sei nichts anderes als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Gewinner des Goldenen Zaunpfahl 2017: Pons/Klett

Die Überzeugung, Jungen und Mädchen seien von Natur aus verschieden und bräuchten grundsätzlich unterschiedliche Angebote, fördert also auch in der Literatur die Klischees in der Darstellung männlicher und weiblicher Personen. In fast jedem Kindergarten oder Kinderzimmer finden sich auch heute noch die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch, in denen überwiegend männliche Figuren dargestellt sind, die handeln, rennen, bauen, klettern. Die Mehrheit der Mädchen und Frauen dagegen steht beobachtend am Rand; mancher Band kommt hier auf ein Verhältnis von 280 zu 40. Immerhin, bei Rotraut Susanne Berners Wimmelbüchern sind die Rollen verändert, hier schieben dann auch mal Väter Kinderwägen. Dafür sind in der Welt von »Conni« die Ärzte und Führungskräfte wieder männlich, berufstätige Frauen arbeiten als Erzieherinnen, Lehrerinnen oder Arzthelferinnen. In der Geschichte »Conni hilft Mama« verletzt sich die Mutter am Fuß, sodass sie für ein paar Tage nichts im Haushalt machen kann. Solange der Vater bei der Arbeit ist, übernimmt Conni stolz das Putzen, Kochen und Aufräumen.

Mag er mich?

Zwar nehmen Geschichten zu, die mit neuen Rollenbildern arbeiten, in denen Jungen auch schüchtern, ängstlich und verträumt sein dürfen – allerdings geht es ihnen damit nicht sehr gut. Karin Haller, die Leiterin des Instituts für Jugendliteratur, fasst in ihrem Artikel »Von Marsmädchen und Jupiterjungs« zusammen: »Je sympathischer sie sind, desto schwerer haben sie’s.« Immerhin würden Mädchen zwar zunehmend modern, gewitzt und stark gezeichnet, doch für beide Geschlechter gelten enge Normen: »Die Entwicklung der Hauptfiguren zielt in Richtung Selbstbewusstsein, Mut und Akzeptanz durch die Umwelt. Ängste und Zweifel sind zwar im Weg inbegriffen, aber nach wie vor etwas, was nicht dazugehören, sondern überwunden werden soll«, so Haller. Vor allem bei Jugendbüchern laufe die Identitätsfindung der emanzipierten Mädchen nach wie vor über die Frage: »Mag er mich oder mag er mich nicht?«

 

Quelle: Schnerring / Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. München 2014, „Ist Lesen wirklich weiblich?“, Seite 142-146

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Fortbildungen und Vorträge aus der Rosa-Hellblau-Falle u.a.:

„Conni gegen Max, Ponys gegen Piraten.

Workshop zu Rollenbildern und Rosa-Hellblau-Falle in Kinderbüchern“.

Bei Interesse nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf.


 

3 thoughts on “Jungs wollen keine Mädchenbücher lesen – ist eine self-fulfilling prophecy”

  1. Danke für Ihren Artikel, das Thema ist komplex, hier nur ein Gedanke dazu: Ich habe ja den Verdacht, dass das Nicht-Lesen-Wollen-Verhalten der Jungs eine unbewusste Abwehrhaltung ist; Erziehung und eben Lesen ist für sie von Kleinkind an weiblich besetzt und solange „Mädchen“ unter Jungs immer noch als Schimpfwort gilt, ist es ja nun auch kein Wunder, dass sie keine Mädchenbücher lesen wollen. Die Gründe hierfür liegen wiederum woanders … Fragt sich nur, woher es dann kommt, dass Männer später Frauen die Welt erklären, „echte“ Literatur schreiben und in den Feuilletons präsenter sind als sie. Im übrigen wird KJL (egal, wie gut und genderneutral sie ist) immer noch von den erwachsenen Kollegen belächelt, Autoren schlechter bezahlt.

  2. Meinen beiden Kindern (Jungs) lese ich seit einer Weile immer wieder aus dem Buch „good night stories for rebel girls“ vor – ohne zu thematisieren, dass dort nur Frauen vorgestellt werden. Ich finde es interessant zu sehen, dass sie das selbst gar nicht bemerken (oder es ihnen nicht wichtig ist). Sie wünschen sich dann das „Buch mit Angela Merkel“ und sagen, welche Personenbeschreibung sie wieder und wieder hören wollen (Maria Callas – gerne auch mit einem Lied anhören im Anschluss). Aber leider gibt es wirklich wenige Bücher, wo einfach selbstverständlich Vielfalt dargestellt wird. Entweder ist das dann explizit Thema, oder als Ausgleich für die weibliche Hauptfigur gibt es extrem viele Männer rund herum (Ich mache mir z.B. echt Sorgen um Ronja, wenn ich das Buch vorlese…). Sehr gut finde ich z.B. „An Herrn Günther mit bestem Gruß“ oder „das blaue Herz des Planeten“ oder „Pepe und Lolo“. Auch alles Bücher, die meine Kinder lieben.

  3. Mein 12jähriger hat freiwillig ein Band der „Blackfin Boys“ gelesen. Aber nur, weil einer seiner Kumpels ihn darauf gebracht hat. Die Bücher, die ich ihm vorschlage, lässt er links liegen. Gleichaltrige haben in dieser Beziehung mehr Macht.

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