Der Pay Gap beginnt im Kinderzimmer

Jedes Jahr, wenn im Frühjahr der Equal Pay Day begangen wird, beginnt sie von Neuem, die Diskussion um die Höhe und Relevanz des Gender Pay Gap. Die sechs beliebtesten Argumente, die je nach Wetterlage mal lauter, mal leiser gegen jede Berechnung des Lohnunterschieds zwischen Mann und Frau hervorgebracht werden, wollen wir hier auflisten und beantworten:

  1. „Aber es sind doch gar keine 21% Unterschied, es sind doch nur x!“
  2. Frauen fallen nun mal wegen der Kinder länger aus, das liegt in der Natur der Sache.
  3. Frauen wählen häufiger Halbtagsstellen, soll das auch noch belohnt werden?
  4. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Vergleicht man Honorare für dieselbe Tätigkeit, gibt es gar keinen PayGap.
  5. Ist doch klar, dass ein Vorstandsposten besser bezahlt wird als die Stelle beim Discounter an der Kasse. Frauen sind selbst schuld, wenn sie in Branchen einsteigen, in denen weniger verdient wird.
  6. Frauen verhandeln eben schlechter!
  7. Weitere siehe unten in den Kommentaren in 3 – 2 – 1 …  

Zu 1

Das ist eine gute Nachricht, sollte der Gap schrumpfen, die Prozentzahl also sinken. Leider lässt sich der Missstand an sich damit nicht widerlegen – als ob ein kleinerer Unterschied kein Unterschied und damit fair wäre. Und sollte er irgendwann einmal nur noch bei 3% liegen, hat der Equal Pay Day dennoch weiterhin seine Berechtigung!

Zu 2

  • Nicht jede Frau wird oder ist Mutter.
  • Auch bei Frauen, deren Kinder älter sind, greift das Argument nicht.
  • Eine Schwangerschaft dauert 9 Monate, so unser Kenntnisstand. Erst 6 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin beginnt der Mutterschutz. Viele arbeiten trotzdem länger, z.B. um ein Projekt zu beenden. Selbständige haben keinen Mutterschutz. Bei Angestellten dauert er bis 8 Wochen nach der Geburt. Rechtfertigen 14 Wochen Abwesenheit einen grundsätzlichen Lohnunterschied aufgrund von Geschlecht? Für Frauen sind Kinder beim Gehalt eine Strafe.

Mütter verdienen auch dann noch erheblich weniger als Männer, wenn das erste Kind fünf bis zehn Jahre alt ist. In Deutschland verdienen Mütter zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 61 Prozent weniger als im letzten Jahr vor der Geburt! Bei Vätern gibt es diesen Effekt nicht.

Süddeutsche Zeitung

Zu 3

Richtig, Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer. Bei Müttern liegt die Zahl bei 69%, und es sind nur 6% der Väter, die Teilzeit arbeiten (DESTATIS, Pressemitteilung Nr. 346 vom 14.09.2018). In der Mehrzahl entscheiden sich Frauen dafür, um (unbezahlte) CareArbeit leisten zu können. Entscheiden sich Männer für eine Teilzeitstelle, ist der häufigste Grund eine Aus- oder Weiterbildung oder weil sie keine Vollzeitstelle finden. (Demografieportal.de)

Heißt also, weil Frauen sich häufiger kümmern, um Kinder und Kranke, um pflegebedürftige Familienmitglieder, dafür, dass sie die Hauptlast der Care-Arbeit übernehmen, müssen sie (finanziell) bestraft werden. – Soll das also mit Argument 3) verteidigt werden? Frauen sind in der Folge häufiger von Altersarmut betroffen (RentenGap: 46%) – Ist es das, woran PayGap-In-Frage-Steller festhalten wollen?
Der CareGap ist die Hauptursache für den PayGap. Unsichtbare Care-Arbeit wird in wirtschaftlichen Berechnungen nicht berücksichtigt. Wer mit Punkt 3. argumentiert, verteidigt diesen Missstand und ist mitverantwortlich für die grundsätzliche Geringschätzung von Sorgearbeit.

Zu 4

Falsch. Auch in MINT-Berufen verdienen Frauen weniger als ihre Kollegen, in derselben Branche, in vergleichbarer Position. Zur Studie

Zu 5

Warum? Weil sie mehr Verantwortung tragen? Moment, wer nochmal, der Vorstand oder die Pflegekraft? Die Erzieherin oder der Mechatroniker? Warum genau verdient mensch in der Pflege weniger als im Maschinenbau, in der frühkindlichen Erziehung und Bildung weniger als in der Informatik, in der Geburtshilfe weniger als in der Verwaltung? Wir freuen uns über Antworten und Argumente in den Kommentaren.

Zu 6

Falsch. Weder fragen sie seltener nach einer Gehaltserhöhung, noch verhandeln sie defensiver. Zur Studie

Ein Punkt, der uns zu oft fehlt in der Diskussion:

Mädchen bekommen weniger Taschengeld als Jungen.

Wer nämlich weiterhin argumentiert, Frauen seien selbst schuld daran, dass sie im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, möge einen Blick in die Kinderzimmer werfen. Hier beginnt er nämlich, der Gender Pay Gap: Mädchen bekommen im Durchschnitt weniger Taschengeld als Jungen.

Foto (c) @hartaberfair / Screenshot und Collage klische*esc e.V.

Das zeigte schon eine Studie in 2009, auch in einzelnen Städten wurden Unterschiede belegt (z.B. in Frankfurt a.M.), und eine neue belegt: bei den 16-25 Jährigen beträgt der Unterschied 19%. Jungen dieser Altersspanne in Deutschland haben im Durchschnitt 345 Euro zur Verfügung und Mädchen 291 Euro – für 44% ist das Taschengeld der größte Posten.

Keines der oben genannten Argumente greift:

– Eigenen Nachwuchs, um den sich gekümmert werden muss, gibt es bei Kindern noch nicht (auch bei den bis zu 25-Jährigen wohl eher die Ausnahme als Ursache für den Gap),
– auch keine zu pflegende Schwiegermutter.
– Am falschen Beruf kann es genauso wenig liegen, dass Mädchen weniger Taschengeld bekommen.
Möchte jetzt noch jemand an Punkt 6 festhalten und den Gender Pay Gap damit begründen, dass Mädchen eben zu schlecht über die Höhe ihres Taschengelds verhandeln? Verlangen wir also wirklich von Mädchen, gefälligst selbst darum zu kämpfen, mehr Geld zu bekommen, damit Erwachsene keinen Unterschied machen, wenn sie Kindern den Umgang mit Geld vermitteln und ihnen eigenes zur Verfügung stellen?

Auch der CareGap beginnt im Kinderzimmer

Und es gibt eine weitere Erklärung, warum die Spanne über das Taschengeld hinaus noch größer wird, warum Jungen insgesamt mehr Geld zur Verfügung haben als Mädchen: Töchter müssen sich häufiger um jüngere Geschwister kümmern als Söhne. Jungen werden stattdessen mehr Jobs im Haushalt zugewiesen (z.B. Rasenmähen, Auto putzen) die den Erwachsenen offenbar Geld wert sind, ganz im Unterschied zum Wickeln, Schuhe binden, Zähne nachputzen, Brei löffeln. Womit wir wieder beim CareGap wären, und für mehr Hintergrundwissen herzlich einladen auf die Seiten unserer Initiative Equal Care Day.

Poster "Der PayGap begitt im Kinderzimmer
Graphic Recording eines Vortrags von Almut Schnerring & Sascha Verlan
von @funkynotessketchnotes; Foto (c) klische*esc e.V. /
als >Poster erhältlich auf den Seiten des Vereins<

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